Quo Vadis Medikamentenversorgung

Bezug zum Thema
Am 16. April 2021 hat das BAG den Kantonen mitgeteilt, dass es bei der Auslieferung des Moderna Impfstoffs zu Verzögerungen kommt. Dies nur einen Tag, nachdem Bundesrat Alain Berset und das BAG die Kantone zu einem forscheren Impftempo ohne Zurückhaltung der zweiten Impfdosis aufgefordert hatten. Der Berner Gesundheitsdirektor Piere-Alain Schnegg sah sich daraufhin zu der Forderung veranlasst, dem BAG das Dossier zu entziehen, und es in die fähigsten Hände der Privatindustrie zu legen.

Problemanalyse
Einerseits ist diese Reaktion verständlich und nachvollziehbar. Die Impfplanung gerät durcheinander, Termine müssen verschoben, die ungeduldig auf die Impfung wartende Bevölkerung abermals vertröstet werden. Andererseits ist dieser, in dem Fall zum Glück nur kurzfristige Stock-Out für alle, die in der Pharmabranche oder der Medikamentenversorgung arbeiten, nur eine kleine Spitze eines Eisbergs, der sich immer höher und höher auftürmt. Längst ist es “normal” dass Produkte für kürzere oder längere Zeit nicht verfügbar sind.

Akteure und ihre Rollen
Auch das BAG befasst sich mit dieser Thematik und sieht vor allem ökonomische Gründe welche zu diesen Versorgungslücken führen. Genannt werden die Globalisierung und Zentralisierung, Nachfrageschwankungen, Lean Management, sowie Ausfälle oder Qualitätsprobleme in der Herstellung, welche sich heute global auswirken. Dr. Enea Martinelli, Chefapotheker der Spitäler fmi AG ist wohl der prominenteste Botschafter dieses Themas. Auf seiner Website www.drugshortage.ch listet er alle bekannten Lieferengpässe von Medikamenten auf. Heute am 23. April 2021 sind 308 Produkte mit 393 Referenzen nicht verfügbar.

Gerade in der Pandemie werden die Wortmeldungen aus der Politik lauter, dass die Medikamentenverfügbarkeit eine hohe Priorität habe, und jederzeit sichergestellt werden müsse. Das BAG erarbeitet bis 2022 einen Bericht mit Massnahmen, welche einen Katalog möglicher Gegenmassnahmen vorschlägt. Zu erwarten sind dabei eine Verbesserung der Koordination aller beteiligten Stellen, eine Verpflichtung zur erhöhten Lagerhaltung entlang des Supply Chain, vermehrte Produktion im Inland und allenfalls ein erleichterter Import aus dem Ausland. Die Preisfestsetzung könnte mit der Verfügbarkeit verknüpft werden, wer grössere Lager hält, soll die Produkte teurer verkaufen können.

Problematik der heutigen Regularien
Unbedingt zu beachten ist, dass zahlreiche der heutigen Regularien und laufende oder geplante Aktivitäten der Versorgungssicherheit widersprechen. So muss beispielsweise ein Generika-Hersteller bei der Markteinführung sämtliche Packungsgrössen und -stärken einführen, viele davon defizitär und grösstenteils von vorneherein für die Tonne produziert. Auch gibt es viel zu wenig Anreize, vom bis zu 70% teureren Original auf ein preisgünstiges Generikum zu wechseln. Daher werden bei vielen Produkten gar keine Generika im Markt eingeführt, bei Stock outs gibt es dann keine Alternativen.

Die Schweiz leistet sich immer noch den Luxus einer eigenen Zulassungsbehörde, und akzeptiert keine ausländischen Dossiers. Viele Produkte kommen daher verzögert oder gar nicht auf den Markt. Die Medikamentenpreise werden regelmässig von den Behörden überprüft und angepasst. Dabei gibt es nur eine Richtung, nach unten. Die Vertriebsmargen sollen reduziert werden, ein direkter Angriff auf den Verdienst der Abgabestellen (Arzt, Apotheker, Spitalambulatorien). Kein Wunder, hat niemand mehr Lust, Medikamente in grösseren Mengen vorrätig zu haben. Teure Medikamente sind mittlerweile kaum mehr zu distribuieren, so stark klaffen Lagerrisiko und Verdienstmöglichkeiten auseinander.

Fazit
Man wird sich entscheiden müssen: Entweder möglichst günstig, dann aber sicher nicht optimal versorgt, oder Priorität auf der Versorgungssicherheit, dann aber mit entsprechendem Impact auf die Kosten.
Wie so oft im Leben: Chasch nöd de Füfer und s’Weggli ha.

Christian Henseler
Leiter Strategischer Einkauf